Es gibt eine Frage, die ich mir bei der Entwicklung neuer Geschäftsideen immer wieder stelle:
Muss ich wirklich gegen bestehende Unternehmen antreten – oder gibt es eine Möglichkeit, den Markt anders zu denken?
Viele Gründer starten mit einem Wettbewerbsvergleich. Sie suchen sich eine Branche aus, analysieren bestehende Anbieter und überlegen anschließend, wie sie deren Angebot etwas besser, günstiger oder schneller machen können.
Das ist nachvollziehbar.
Aber es führt häufig direkt in einen ziemlich schwierigen Wettbewerb.
Denn wenn zehn Unternehmen bereits dieselbe Leistung anbieten, ist das elfte Unternehmen nicht automatisch interessant, nur weil es ein etwas schöneres Logo, eine modernere Website oder einen etwas günstigeren Preis hat.
Genau hier wird die Blue Ocean Strategy interessant.
Das Konzept, geprägt von W. Chan Kim und Renée Mauborgne, beschreibt eine andere strategische Denkweise: Nicht ausschließlich versuchen, in einem bestehenden Markt besser als die Konkurrenz zu sein, sondern nach Möglichkeiten suchen, neuen Marktraum und neue Nachfrage zu schaffen.
Für mich ist das besonders spannend, weil diese Denkweise sehr gut zu einer unternehmerischen Frage passt, die mich immer wieder beschäftigt:
Wo gibt es Geschäftsmöglichkeiten, die noch nicht offensichtlich als Geschäftsmodell existieren?
Dabei geht es nicht darum, zwanghaft die nächste große Innovation zu erfinden.
Oft reicht es schon, einen bestehenden Markt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Was bedeutet Blue Ocean Strategy eigentlich?
Die Begriffe „Red Ocean“ und „Blue Ocean“ stammen aus dem strategischen Konzept von Chan Kim und Renée Mauborgne.
Ein Red Ocean beschreibt vereinfacht einen bestehenden, bekannten Markt. Unternehmen konkurrieren dort um vorhandene Nachfrage. Je mehr Anbieter hinzukommen, desto intensiver kann der Wettbewerb werden.
Ein Blue Ocean steht dagegen für einen neu geschaffenen oder neu definierten Marktraum.
Die Idee ist nicht einfach:
„Ich mache dasselbe wie die anderen, nur besser.“
Sondern:
„Kann ich das Problem anders lösen und dadurch eine neue Form von Nachfrage erzeugen?“
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn Wettbewerb ist nicht grundsätzlich schlecht.
Es gibt sehr viele hervorragende Unternehmen in sehr wettbewerbsintensiven Märkten.
Aber als Unternehmer sollte man sich zumindest die Frage stellen, ob man wirklich jeden Wettbewerb annehmen muss.
Die Blue Ocean Strategy setzt deshalb auf die gleichzeitige Suche nach Differenzierung und Kostenvorteilen, was die Autoren als „Value Innovation“ bezeichnen.
Es geht also nicht einfach darum, etwas außergewöhnlich zu machen.
Es muss auch wirtschaftlich funktionieren.
Red Ocean: Warum viele Geschäftsmodelle sofort im Wettbewerb landen
Stell dir vor, du möchtest ein neues Unternehmen gründen.
Du schaust dir einen Markt an und findest zehn etablierte Anbieter.
Dann stellst du fest:
- Anbieter A ist günstiger.
- Anbieter B ist größer.
- Anbieter C hat mehr Erfahrung.
- Anbieter D hat die bessere Marke.
- Anbieter E hat mehr Mitarbeiter.
- Anbieter F hat mehr Bewertungen.
- Anbieter G investiert stark in Marketing.
Und dann kommst du mit deinem neuen Unternehmen.
Deine Strategie lautet:
„Wir machen das genauso – nur moderner.“
Das kann funktionieren.
Aber du startest mit einem Nachteil.
Du musst zunächst Aufmerksamkeit gewinnen.
Dann musst du Vertrauen aufbauen.
Dann musst du Kunden überzeugen, ihre bisherigen Anbieter zu wechseln.
Und anschließend musst du dich gegen genau dieselben Wettbewerber behaupten.
Das ist der klassische Wettbewerb um bereits vorhandene Nachfrage.
Ich finde deshalb die Frage interessanter:
Warum sollte der Kunde überhaupt wechseln?
Und noch interessanter:
Gibt es vielleicht Kunden, die bisher gar keine gute Lösung gefunden haben?
Genau dort beginnt für mich unternehmerisches Denken.
Blue Ocean bedeutet nicht automatisch „keine Konkurrenz“
Hier würde ich allerdings eine wichtige Einschränkung machen.
Blue Ocean Strategy wird manchmal so verstanden, als müsse man einen Markt finden, in dem es überhaupt keine Konkurrenz gibt.
Das halte ich für eine gefährliche Vereinfachung.
Ein wirklich attraktiver neuer Markt kann sehr schnell Wettbewerber anziehen.
Wenn eine neue Geschäftsidee erfolgreich ist, werden andere Unternehmen sie beobachten.
Das bedeutet:
Ein Blue Ocean ist nicht zwingend dauerhaft konkurrenzfrei.
Die eigentliche strategische Leistung besteht vielmehr darin, eine Position zu schaffen, die nicht einfach über den bestehenden Wettbewerbsvergleich erklärt werden kann.
Die offizielle Blue-Ocean-Strategie beschreibt entsprechend nicht nur das Vermeiden von Konkurrenz, sondern das Rekonstruieren von Marktgrenzen, das Schaffen neuer Nachfrage und das Erzeugen eines neuen Wertversprechens.
Das finde ich wesentlich realistischer.
Denn kein Unternehmer kann kontrollieren, was andere Marktteilnehmer morgen tun.
Was man aber beeinflussen kann, ist die eigene Positionierung.
Die entscheidende Frage: Was kannst du anders kombinieren?
Eine neue Geschäftsidee muss nicht zwingend auf einer völlig neuen Technologie basieren.
Das wird meiner Meinung nach häufig unterschätzt.
Geschäftsmodelle können auch entstehen, indem bestehende Dinge neu kombiniert werden.
Zum Beispiel:
Branche A + Technologie B
oder
Dienstleistung A + Vertriebskanal B
oder
Produkt A + Service B
oder
bestehende Nachfrage + neue Zielgruppe
oder
bestehende Leistung + neues Geschäftsmodell
Genau solche Kombinationen können interessante Möglichkeiten eröffnen.
Nehmen wir einen traditionellen Dienstleistungsmarkt.
Die operative Leistung existiert bereits.
Es gibt Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden.
Aber vielleicht ist die Nachfragegenerierung schwach.
Vielleicht sind Websites veraltet.
Vielleicht wird kaum SEO betrieben.
Vielleicht gibt es keine klare Spezialisierung.
Vielleicht werden Anfragen nicht systematisch bearbeitet.
Vielleicht gibt es keine digitale Marke.
Vielleicht existieren viele kleine Anbieter, aber niemand hat den Markt aus Kundensicht wirklich neu strukturiert.
Dann muss man nicht zwangsläufig eine neue Dienstleistung erfinden.
Vielleicht reicht es, die bestehende Leistung anders zu organisieren, zu vermarkten und zu verkaufen.
Value Innovation: Der Kern der Blue Ocean Strategy
Ein zentraler Begriff der Blue Ocean Strategy ist Value Innovation.
Gemeint ist die gleichzeitige Ausrichtung auf höheren Kundennutzen und eine wirtschaftlich sinnvolle Kostenstruktur.
Das ist interessant, weil Innovation häufig mit etwas völlig Neuem gleichgesetzt wird.
Aber Innovation kann auch bedeuten:
- etwas wegzulassen,
- etwas einfacher zu machen,
- etwas günstiger zu machen,
- etwas schneller zu machen,
- etwas komfortabler zu machen,
- einen bisher komplizierten Prozess zu vereinfachen,
- verschiedene Leistungen zu bündeln,
- eine neue Zielgruppe anzusprechen,
- oder ein bestehendes Angebot vollkommen anders zu positionieren.
Die Frage lautet also nicht:
„Was kann ich noch hinzufügen?“
Sondern manchmal:
„Was kann ich weglassen?“
Nicht mehr Leistung, sondern relevantere Leistung
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Viele Unternehmen versuchen, ihr Angebot immer weiter auszubauen.
Noch ein Service.
Noch ein Feature.
Noch ein Produkt.
Noch ein Zusatzpaket.
Noch ein Bonus.
Das Ergebnis kann ein immer komplexeres Angebot sein.
Aber Komplexität ist nicht automatisch Wert.
Ein Kunde kauft nicht möglichst viele Funktionen.
Er kauft eine Lösung für ein Problem.
Deshalb würde ich bei einer neuen Geschäftsidee immer fragen:
Was ist dem Kunden wirklich wichtig?
Und:
Was ist ihm eigentlich völlig egal?
Genau diese Unterscheidung kann strategisch sehr interessant sein.
Die Vier-Aktionen-Logik: Eliminieren, Reduzieren, Steigern, Schaffen
Eine bekannte Denkweise innerhalb der Blue Ocean Strategy ist das sogenannte Four Actions Framework.
Dabei werden vier Fragen gestellt:
Eliminieren:
Welche Faktoren, die eine Branche traditionell anbietet, könnten vollständig entfallen?
Reduzieren:
Welche Faktoren werden vielleicht überbewertet und könnten reduziert werden?
Steigern:
Welche Faktoren könnten deutlich verbessert werden?
Schaffen:
Welche Faktoren könnten neu entstehen, die die Branche bisher nicht anbietet?
Diese vier Fragen finde ich für die Entwicklung eines Geschäftsmodells extrem hilfreich.
Denn sie zwingen dich dazu, nicht nur über neue Produkte nachzudenken.
Sie verändern die gesamte Betrachtung des Angebots.
Beispiel: Ein traditioneller Dienstleistungsmarkt
Stell dir einen Markt vor, in dem Kunden normalerweise mehrere Anbieter vergleichen müssen.
Vielleicht gibt es:
- viele Telefonate,
- mehrere Angebote,
- unklare Preise,
- lange Reaktionszeiten,
- komplizierte Abstimmungen,
- verschiedene Ansprechpartner.
Eine neue Geschäftsidee könnte versuchen, genau diesen Prozess zu vereinfachen.
Dann könnte man fragen:
Eliminieren:
Welche Schritte sind für den Kunden unnötig?
Reduzieren:
Welche Komplexität kann verschwinden?
Steigern:
Was muss deutlich besser werden?
Schaffen:
Welche neue Leistung könnte den gesamten Prozess vereinfachen?
Das Ergebnis wäre vielleicht gar keine völlig neue Technologie.
Aber möglicherweise ein vollkommen anderes Kundenerlebnis.
Und genau darin kann ein neuer Marktraum entstehen.
Blue Ocean Strategy beginnt nicht mit dem Produkt
Das ist für mich einer der interessantesten Punkte.
Viele Gründer beginnen mit:
„Ich habe eine Idee.“
Dann versuchen sie, einen Markt dafür zu finden.
Ich würde zumindest teilweise andersherum denken.
Beginne mit einem Problem, einem Markt oder einer bestehenden Nachfrage.
Dann untersuche:
- Was funktioniert heute nicht?
- Was nervt Kunden?
- Was ist unnötig kompliziert?
- Was kostet zu viel?
- Was dauert zu lange?
- Welche Kunden werden schlecht bedient?
- Welche Kunden verzichten bisher auf eine Lösung?
- Welche Bedürfnisse werden nur teilweise erfüllt?
- Welche Leistungen werden immer noch so erbracht wie vor zehn oder zwanzig Jahren?
Das kann zu wesentlich interessanteren Geschäftsideen führen.
Suche nach den Nichtkunden
Ein weiterer wichtiger Gedanke der Blue Ocean Strategy ist die Betrachtung der Nichtkunden.
Also Menschen oder Unternehmen, die eine bestimmte Lösung nicht nutzen.
Warum ist das interessant?
Weil etablierte Unternehmen häufig sehr stark auf ihre bestehenden Kunden fokussiert sind.
Sie fragen:
„Wie können wir unseren Kunden noch mehr verkaufen?“
Ein Unternehmer, der nach neuen Märkten sucht, könnte dagegen fragen:
„Warum sind bestimmte Menschen überhaupt keine Kunden?“
Vielleicht ist das Angebot:
- zu teuer,
- zu kompliziert,
- zu unflexibel,
- zu langsam,
- zu schwer verständlich,
- zu aufwendig,
- zu wenig verfügbar,
- zu stark auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet.
Dann existiert möglicherweise bereits ein Bedarf – aber noch keine passende Lösung.
Das ist ein spannender Ausgangspunkt.
Nichtkunden sind manchmal interessanter als Wettbewerber
Wenn ich einen bestehenden Markt analysiere, würde ich deshalb nicht ausschließlich die Wettbewerber betrachten.
Ich würde mir auch Menschen anschauen, die nicht kaufen.
Zum Beispiel:
Warum kaufen sie nicht?
Was machen sie stattdessen?
Lösen sie das Problem intern?
Verzichten sie komplett auf die Leistung?
Ist ihnen die bestehende Lösung zu teuer?
Verstehen sie das Angebot nicht?
Gibt es keinen passenden Anbieter?
Ist der Kaufprozess zu kompliziert?
Hier können interessante Hinweise entstehen.
Denn ein neuer Markt entsteht manchmal nicht dadurch, dass du bestehenden Kunden einen Wettbewerber wegnimmst.
Sondern dadurch, dass du Menschen zu Kunden machst, die bisher überhaupt keine Kunden waren.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Warum Convenience Märkte verändern kann
Ein gutes Beispiel für Blue-Ocean-Denken ist für mich die Frage nach Bequemlichkeit.
Menschen kaufen nicht nur Produkte.
Sie kaufen häufig:
- Zeitersparnis,
- Einfachheit,
- Sicherheit,
- Verfügbarkeit,
- Planbarkeit,
- Komfort.
Wenn ein Markt bisher sehr kompliziert funktioniert, kann ein Unternehmen einen Teil dieser Komplexität entfernen.
Das kann eine neue Nachfrage erzeugen.
Nicht weil das eigentliche Produkt völlig neu ist.
Sondern weil die Art des Kaufs neu ist.
Das ist ein wichtiger Gedanke für Unternehmer:
Innovation kann im Produkt liegen. Sie kann aber genauso im Geschäftsmodell, im Vertrieb oder im Kundenerlebnis liegen.
Blue Ocean Strategy und digitale Geschäftsmodelle
Gerade digitale Geschäftsmodelle bieten interessante Möglichkeiten, bestehende Märkte neu zu strukturieren.
Das liegt unter anderem daran, dass digitale Werkzeuge die Kosten für bestimmte Prozesse erheblich verändern können.
Zum Beispiel:
- Informationsbereitstellung
- Leadgenerierung
- Kundenkommunikation
- Terminvereinbarung
- Angebotsprozesse
- Content
- Suchmaschinenoptimierung
- Automatisierung
- Datenanalyse
- Kundenbetreuung
Eine traditionelle Branche muss dadurch nicht plötzlich digital werden.
Aber einzelne Teile der Wertschöpfung können digital neu gedacht werden.
Und genau dort können Chancen entstehen.
SEO kann dabei ein Teil der Blue-Ocean-Strategie sein
Ich sehe SEO dabei nicht als Blue Ocean an sich.
SEO ist zunächst einmal ein Werkzeug.
Interessant wird es, wenn du damit eine Nachfrage sichtbar machst, die andere Unternehmen nicht professionell bedienen.
Stell dir vor, eine Branche verfügt über zahlreiche operative Anbieter.
Aber die Kunden suchen online nach bestimmten Lösungen und finden:
- wenig hilfreichen Content,
- unübersichtliche Websites,
- keine klare Spezialisierung,
- kaum konkrete Informationen,
- oder sehr viele Anbieter ohne erkennbare Unterschiede.
Dann kann digitale Nachfragegenerierung ein strategischer Baustein werden.
Die Logik wäre:
bestehende Nachfrage
↓
Suchintention verstehen
↓
Problem verstehen
↓
Content erstellen
↓
organische Sichtbarkeit
↓
qualifizierte Anfragen
↓
operative Leistung
↓
Geschäftsmodell
Das ist für mich wesentlich interessanter als:
„Wir bauen eine Website und hoffen auf Google-Traffic.“
Die Website ist kein Unternehmen.
Die Nachfrage dahinter kann aber ein Asset werden.
Warum ich die Blue Ocean Strategy für Unternehmer spannend finde
Für mich liegt die Stärke des Konzepts nicht darin, dass es eine magische Methode für neue Märkte liefert.
Das tut es nicht.
Die Stärke liegt vielmehr in der Veränderung der Fragestellung.
Statt:
„Wie werde ich besser als meine Wettbewerber?“
fragst du:
„Warum muss ich eigentlich nach den Regeln meiner Wettbewerber spielen?“
Das ist ein komplett anderer Ausgangspunkt.
Und manchmal verändert allein diese Frage die gesamte Entwicklung eines Geschäftsmodells.
Die gefährliche Seite der Blue Ocean Strategy
So spannend das Konzept ist: Man sollte es nicht romantisieren.
Ein neuer Markt ist nicht automatisch ein guter Markt.
Und ein Markt ohne Wettbewerber kann auch bedeuten:
Es gibt keine Nachfrage.
Das ist ein entscheidender Punkt.
Wenn niemand eine Lösung anbietet, kann das zwei Gründe haben:
Möglichkeit 1:
Niemand hat die Chance erkannt.
Möglichkeit 2:
Niemand bietet die Lösung an, weil niemand sie haben möchte.
Diese beiden Situationen sehen am Anfang ähnlich aus.
Deshalb muss eine Blue-Ocean-Idee validiert werden.
Keine Konkurrenz kann ein Warnsignal sein
Wenn du eine Geschäftsidee entwickelst und feststellst:
„Es gibt überhaupt keinen Wettbewerber.“
würde ich nicht automatisch jubeln.
Ich würde zunächst fragen:
Warum?
Gibt es wirklich keine Anbieter?
Oder suche ich mit den falschen Begriffen?
Ist der Markt zu klein?
Existiert keine Zahlungsbereitschaft?
Ist das Problem nicht relevant genug?
Ist die Lösung technisch oder operativ zu schwierig?
Oder wurde die Chance tatsächlich bisher übersehen?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird es interessant.
Blue Ocean bedeutet nicht: Je verrückter, desto besser
Eine weitere Fehlinterpretation wäre:
„Ich muss etwas völlig Verrücktes erfinden.“
Nein.
Eine gute Geschäftsidee kann erstaunlich unspektakulär aussehen.
Manchmal liegt die Innovation darin, einen bestehenden Prozess:
- schneller,
- einfacher,
- transparenter,
- spezialisierter,
- planbarer,
- digitaler
zu machen.
Das klingt nicht spektakulär.
Aber Unternehmen entstehen nicht durch spektakuläre Begriffe.
Sie entstehen durch relevante Lösungen, für die jemand bereit ist zu bezahlen.
Wie du einen Blue Ocean für dein eigenes Geschäftsmodell suchst
Wenn ich heute eine neue Geschäftsidee prüfen würde, würde ich nicht versuchen, direkt einen perfekten Blue Ocean zu finden.
Ich würde systematisch nach strategischen Lücken suchen.
Schritt 1: Wähle einen bestehenden Markt
Suche dir zunächst einen Markt aus, den du zumindest einigermaßen verstehst.
Das kann ein Markt sein, in dem du bereits Erfahrung hast.
Oder eine Branche, die dich interessiert.
Wichtig ist zunächst nur:
Es muss eine echte wirtschaftliche Aktivität geben.
Schritt 2: Analysiere die bestehenden Anbieter
Schau dir an:
- Was verkaufen sie?
- Für wen?
- Zu welchem Preis?
- Wie positionieren sie sich?
- Welche Leistungen bieten alle an?
- Wie gewinnen sie Kunden?
- Welche Begriffe verwenden sie?
- Welche Versprechen machen sie?
- Was scheint in der Branche als „normal“ zu gelten?
Gerade das letzte Thema ist interessant.
Denn das, was alle Anbieter für selbstverständlich halten, muss nicht automatisch sinnvoll sein.
Schritt 3: Identifiziere die Branchenregeln
Frage:
„Was wird in dieser Branche immer so gemacht?“
Zum Beispiel:
„Kunden müssen anrufen.“
„Angebote dauern mehrere Tage.“
„Die Leistung wird nur regional angeboten.“
„Kunden kaufen einzelne Leistungen.“
„Es gibt hohe Mindestmengen.“
„Der Anbieter arbeitet nur zu bestimmten Zeiten.“
„Kunden müssen sich selbst um die Koordination kümmern.“
Jetzt kommt der interessante Teil:
Muss das wirklich so sein?
Schritt 4: Sprich mit Kunden
Hier würde ich nicht nur fragen:
„Würdest du dieses Produkt kaufen?“
Solche Fragen sind häufig wenig belastbar.
Interessanter sind konkrete Fragen:
Was ist heute an der Lösung nervig?
Was kostet dich unnötig Zeit?
Was funktioniert regelmäßig nicht?
Was würdest du gerne anders machen?
Was machst du heute stattdessen?
Was wäre dir eine bessere Lösung wert?
Konkretes Verhalten ist meistens interessanter als hypothetische Begeisterung.
Schritt 5: Suche nach Nichtkunden
Jetzt wird es spannend.
Welche Personen oder Unternehmen könnten das Problem haben, kaufen aber heute keine entsprechende Leistung?
Warum nicht?
Vielleicht findest du genau dort deine interessanteste Zielgruppe.
Schritt 6: Verwende die Vier-Aktionen-Fragen
Nimm dein bestehendes Marktmodell und frage:
Was kann ich eliminieren?
Was kann ich reduzieren?
Was kann ich steigern?
Was kann ich neu schaffen?
Schreibe die Antworten tatsächlich auf.
Das zwingt dich dazu, über das bestehende Geschäftsmodell hinauszudenken.
Schritt 7: Entwickle mehrere Geschäftsmodelle
Nicht sofort die erste Idee umsetzen.
Entwickle beispielsweise fünf unterschiedliche Varianten.
Dann frage:
- Welche ist am einfachsten?
- Welche hat die stärkste Nachfrage?
- Welche benötigt am wenigsten Kapital?
- Welche besitzt die beste Marge?
- Welche ist am leichtesten digital vermarktbar?
- Welche lässt sich regional starten?
- Welche lässt sich später skalieren?
- Welche könnte langfristig ein eigenständiges Unternehmen werden?
Jetzt wird aus einer Idee langsam ein unternehmerisches Konzept.
Schritt 8: Teste die Nachfrage
Das ist entscheidend.
Bevor du große Summen investierst, solltest du möglichst viel über die tatsächliche Nachfrage herausfinden.
Zum Beispiel durch:
- Gespräche
- Landingpages
- SEO-Content
- Suchdaten
- direkte Kundenansprache
- Pilotkunden
- Vorbestellungen
- Testangebote
- kleine Kampagnen
- manuelle Prozesse
Dabei geht es nicht darum, sofort ein perfektes Unternehmen zu bauen.
Zuerst soll die Geschäftsidee beweisen, dass sie überhaupt existieren darf.
Von der Blue-Ocean-Idee zum Unternehmen
Hier kommt für mich eine Verbindung zu meinem eigenen unternehmerischen Denken.
Ich finde es interessant, eine Geschäftsidee nicht sofort als fertiges Unternehmen zu betrachten.
Am Anfang kann sie einfach eine Option auf zukünftigen Unternehmenswert sein.
Das bedeutet:
Du findest eine interessante Marktlücke.
Du baust vielleicht eine Website.
Du entwickelst Content.
Du erzeugst erste Sichtbarkeit.
Du bekommst erste Anfragen.
Du testest die Nachfrage.
Dann entstehen erste Umsätze.
Erst danach stellt sich die Frage:
Was könnte daraus werden?
Vielleicht ein kleines profitables Unternehmen.
Vielleicht ein größeres Unternehmen.
Vielleicht ein Joint Venture.
Vielleicht ein Unternehmen mit einem operativen Partner.
Vielleicht eine Beteiligung.
Vielleicht funktioniert die Idee auch überhaupt nicht.
Auch das ist ein Ergebnis.
Build → Prove → Partner → Scale
Genau deshalb gefällt mir folgende Reihenfolge:
Build → Prove → Partner → Scale
Zuerst etwas aufbauen.
Dann beweisen, dass Nachfrage vorhanden ist.
Danach einen passenden Partner integrieren.
Und erst anschließend skalieren.
Ich halte das häufig für sinnvoller als:
Idee → großes Team → großes Investment → hoffen.
Ein Blue Ocean kann zunächst klein sein.
Das ist kein Widerspruch.
Du musst keinen neuen Milliardenmarkt schaffen, bevor du deinen ersten Kunden gewonnen hast.
Blue Ocean Strategy und Unternehmenswert
Für mich endet die Betrachtung eines Geschäftsmodells nicht beim Umsatz.
Die interessantere Frage lautet irgendwann:
„Was entsteht hier eigentlich für ein Asset?“
Denn ein Unternehmen kann sehr unterschiedliche Qualitäten besitzen.
Ein Geschäft kann beispielsweise stark vom Gründer abhängig sein.
Ein anderes verfügt über:
- wiederkehrende Kunden,
- stabile Prozesse,
- starke Marke,
- digitale Nachfrage,
- wiederkehrenden Cashflow,
- gute Margen,
- qualifizierte Mitarbeiter,
- Managementstrukturen,
- klare Positionierung.
Diese Unterschiede beeinflussen langfristig die Qualität eines Unternehmens.
Deshalb sollte man bei einer neuen Geschäftsidee nicht nur fragen:
„Kann ich damit Geld verdienen?“
Sondern auch:
„Kann daraus ein Unternehmen entstehen, das irgendwann ohne meine permanente persönliche Arbeitsleistung funktioniert?“
Das ist für mich eine wesentlich spannendere Perspektive.
Blue Ocean und Owner-Optionality
Wenn ein Unternehmen funktioniert, entstehen Möglichkeiten.
Du kannst:
- weiter skalieren,
- einen Partner aufnehmen,
- weitere Standorte eröffnen,
- neue Produkte entwickeln,
- andere Unternehmen integrieren,
- eine Beteiligung verkaufen,
- das Unternehmen halten,
- Cashflow reinvestieren,
- oder irgendwann einen Exit prüfen.
Genau diese Möglichkeiten bezeichne ich als Owner-Optionality.
Und dafür musst du nicht von Anfang an wissen, welchen Weg du in fünf oder zehn Jahren gehen wirst.
Du musst zunächst ein gutes Asset schaffen.
Was ich an der Blue Ocean Strategy besonders interessant finde
Für mich ist der wichtigste Gedanke nicht:
„Finde einen Markt ohne Konkurrenz.“
Sondern:
„Hinterfrage die Spielregeln des bestehenden Marktes.“
Das ist etwas völlig anderes.
Denn fast jede Branche besitzt Annahmen darüber, wie Dinge funktionieren müssen.
Und genau diese Annahmen sind interessant.
Warum muss der Kunde das so kaufen?
Warum wird diese Leistung so angeboten?
Warum ist dieses Produkt so aufgebaut?
Warum wird diese Zielgruppe so angesprochen?
Warum kostet es so viel?
Warum dauert es so lange?
Warum werden bestimmte Leistungen immer gemeinsam verkauft?
Warum werden andere Leistungen nie kombiniert?
Diese Fragen können zu Geschäftsideen führen.
Blue Ocean Strategy ist kein Ersatz für unternehmerische Realität
Am Ende bleibt aber eine wichtige Wahrheit:
Eine gute Strategie ersetzt keine Umsetzung.
Eine interessante Marktidee ersetzt keine Kunden.
Ein gutes Konzept ersetzt keinen Vertrieb.
Ein neuer Marktraum ersetzt keinen Cashflow.
Und eine Blue-Ocean-Idee garantiert keinen Erfolg.
Das Konzept ist vielmehr eine Denkweise, mit der du deine Suche nach Geschäftsmöglichkeiten anders gestalten kannst.
Die anschließende Arbeit bleibt dieselbe:
Nachfrage verstehen.
Angebot entwickeln.
Kunden gewinnen.
Geschäftsmodell testen.
Cashflow erzeugen.
Prozesse entwickeln.
Meine persönliche Einschätzung
Ich finde den Blue-Ocean-Gedanken gerade für Unternehmer interessant, die nicht einfach nur ein weiteres Unternehmen in einem bestehenden Markt gründen wollen.
Denn die Frage:
„Wie kann ich besser sein als die anderen?“
ist zwar legitim, aber irgendwann sehr ermüdend.
Du vergleichst Preise.
Du vergleichst Websites.
Du vergleichst Mitarbeiter.
Du vergleichst Bewertungen.
Du vergleichst Marketing.
Du vergleichst Leistungen.
Und irgendwann sehen alle Anbieter ziemlich ähnlich aus.
Viel spannender finde ich deshalb die Frage:
„Kann ich das Spielfeld verändern?“
Vielleicht nicht komplett.
Vielleicht auch nur in einem kleinen Teilbereich.
Aber genau dort können interessante Geschäftsmöglichkeiten entstehen.
Ich glaube inzwischen, dass unternehmerisches Denken sehr viel damit zu tun hat, Möglichkeiten zu erkennen, die andere noch nicht als Geschäftsmodell betrachten.
Das muss keine spektakuläre Innovation sein.
Manchmal ist es eine Kombination aus einer bestehenden Branche, digitaler Nachfrage, einem besseren Prozess und einem klareren Kundennutzen.
Und manchmal ist genau daraus ein Unternehmen entstanden.
Die wichtigsten Fragen für deine nächste Geschäftsidee
Wenn du selbst gerade über ein neues Unternehmen oder Geschäftsmodell nachdenkst, würde ich mir diese Fragen stellen:
- In welchem Markt möchte ich starten?
- Wie stark ist dieser Markt bereits umkämpft?
- Warum kaufen Kunden heute bei bestehenden Anbietern?
- Warum kaufen manche potenziellen Kunden überhaupt nicht?
- Welche Probleme werden aktuell schlecht gelöst?
- Was ist in der Branche selbstverständlich geworden?
- Welche dieser Regeln könnte man infrage stellen?
- Was könnte man eliminieren?
- Was könnte man reduzieren?
- Was könnte man deutlich verbessern?
- Was könnte man komplett neu schaffen?
- Welche Zielgruppe wird heute schlecht bedient?
- Welche Nichtkunden könnten interessant sein?
- Welche neue Nachfrage könnte entstehen?
- Ist die Lösung wirtschaftlich?
- Wie könnte ich die Idee mit wenig Kapital testen?
- Wie schnell könnte ich erste Kunden gewinnen?
- Wie könnte daraus Cashflow entstehen?
- Könnte daraus ein eigenständiges Unternehmen werden?
- Welche strategischen Optionen könnten daraus später entstehen?
Diese Fragen sind für mich wesentlich wertvoller als die Suche nach der einen perfekten Geschäftsidee.
Fazit: Du musst nicht immer besser kämpfen – du kannst anders spielen
Die Blue Ocean Strategy liefert keine Garantie für Erfolg.
Aber sie liefert eine interessante Perspektive auf die Entwicklung von Geschäftsmodellen.
Du musst nicht immer versuchen, bestehende Wettbewerber zu schlagen.
Du kannst auch versuchen, einen Markt anders zu definieren.
Du kannst bestehende Leistungen neu kombinieren.
Du kannst Nichtkunden betrachten.
Du kannst Branchenregeln hinterfragen.
Du kannst Leistungen eliminieren.
Du kannst Prozesse vereinfachen.
Du kannst neue Kundengruppen erschließen.
Und du kannst versuchen, ein Angebot zu entwickeln, das nicht einfach nur eine weitere Variante dessen ist, was bereits existiert.
Für mich ist das der eigentliche Wert dieser Denkweise:
Nicht zuerst fragen, wie du gewinnen kannst.
Sondern zuerst fragen, ob du überhaupt dasselbe Spiel spielen musst.
Denn vielleicht liegt die interessanteste Geschäftsmöglichkeit nicht dort, wo bereits zehn Unternehmen um dieselben Kunden kämpfen.
Vielleicht liegt sie direkt daneben.
Dort, wo bisher noch niemand richtig hingeschaut hat.
Und genau dort beginnt für mich unternehmerisches Denken.
Wenn du selbst über ein neues Geschäftsmodell, eine Geschäftsidee oder eine unternehmerische Zusammenarbeit nachdenkst, kannst du dich gerne bei mir melden. Manchmal entsteht aus einem einfachen Austausch bereits die nächste interessante Geschäftsmöglichkeit.

